Tagebuch einer Reise

  • Tag 1


    Ich führe dieses Tagebuch, weil es eine Reise ins Ungewisse ist, auf der wir uns befinden.

    Ich wickle es nach jedem Schreiben sorgsam in Ölpapier, in der Hoffnung, sollte das Meer uns verschlingen,

    der Skorbut uns den Verstand rauben, oder eines der gefürchteten Seeungeheuer unser Schiff zerschlagen, doch dieses Tagebuch erhalten bleiben, und vielleicht - dereinst - den Weg zurück zu meiner Familie finden mag.


    Mein Name ist Johann Frederik Hansen, von den Hansens aus dem Bremischen. Genannt werde ich Kordan, seit ich das Russen Land bereiste - aber das ist eine andere Geschichte.

    Den Finder dieses Tagebuchs möchte ich bitten, es in die Pfarrei St. Stephani in Bremen zu bringen. Der dortige Pfarrherr wird es meiner Familie weiterleiten. Mein Dank dafür - auch wenn ich hoffe, dass dies niemals nötig sein wird.


    Mein lieber Lindhövel, solltest auch Du diese Zeilen zu lesen bekommen, so lass Dir gesagt sein, dass mich unsere gemeinsame Zeit bei den Bremischen Schützen geprägt hat, und so manches, was wir dort gelernt haben, mir schon im Russen Land dienlich war. Ich bedaure, dass wir es nicht geschafft haben, uns nach meiner Rückkehr wieder einmal zu treffen, und die neuen Rekruten im Soldatenkeller abzufüllen. Ich trage unsere Bilder von damals auch auf dieser Reise bei mir, auch wenn ich finde, dass Dir schon damals die Uniform besser stand als mir. Ich bin mir sicher, dass Dir eine großartige Karriere bei den Schützen bevorsteht. Wahrscheinlich bist Du - wenn wir uns das nächste Mal sehen - bereits ein Lieutenant und führst Deinen eigenen Trupp. Du sollst wissen, dass ich in den weiten Wäldern Sibirias viel Zeit zum Nachdenken gehabt habe, und ich keinen Groll gegen Dich hege. Ich glaube, dass es die Charlotte - unser Lottchen - bei Dir gut hat, und mehr mit Dir anfangen kann, als mit einem Herumtreiber wie mir. Und kein Weib kann eine echte Freundschaft unter Männern entzweien. Ich wünsche Euch alles Glück der Erde - und viele Kinder.

    Und pass ein wenig auf meinen Bruder auf. Ich weiß, dass er doch allzu oft sich selbst in Schwierigkeiten bringt.

    Meine lieben Eltern, wenn Euch der Pfarrherr dieses Büchlein bringt, dann habt Ihr die Gewissheit, dass ich nicht mehr bin. Nehmt Abschied, trauert und lasst los.Ich habe viel gesehen auf der Welt. Ich sah mich selbst dem Tode manchmal nahe. Und ich sah noch weit schlimmeres, als ich auf meiner Rückkehr durch vom Krieg verheerte Lande kam.

    Gebe Gott, dass dieser Krieg zu Ende ist, bevor die Heere auch vor Bremen stehen. In Gottes Namen wird das Werk des Teufels vollbracht. Kein noch so wildes Tier im rauhen Sibiria ist zu solchen Grausamkeiten fähig, wie der Mensch.Kommt man durch das verheerte Land - ich mochte es Euch nicht erzählen - so wähnt man sich am schlimmsten Ort der Hölle. Noch jetzt bringe ich es nicht fertig, Euch zu schildern, was sich mir und meinen Reisegefährten für ein Anblick bot. Dem Kurtl von den Schmieds, ihr wisst, dieser Hühne von an die zwei Schritt Größe, hat es den Verstand geraubt und er nahm sich selbst das Leben. Ich sah ihn mit einem Bären ringen, kein Schneetiger machte ihm Angst, aber nachdem wir ein kleines Örtchen durchquerten, in dem nicht eine Menschenseele noch am Leben war, nicht Frau noch Mann, kein Kind, kein Tier, da weinte er nur noch wie ein kleines Kind, konnte nicht mehr damit aufhören. Möge Gott seiner Seele gnädig sein und ihm das Fegefeuer ersparen.

    Ich möchte an das Schöne denken, an Mutters Apfelkuchen, an den Duft des Hansen-Kontors. Für mich ist die Schreibstube, das Kaufmanns-Handwerk, alleine das betuhliche Leben in unserem schönen Bremen, nicht das Richtige. Das war es vorher nicht - und das ist es nun erst recht nicht mehr. Nur einen Monat habe ich es ausgehalten. Nun ging es nicht mehr.

    Meine Gedanken sind jedoch immer bei Euch.


    Man sagt, die Schweden liebäugeln mit Bremen. Sie handeln bereits den Besitz für ihre Unterstützung im Kriege aus. Ich hoffe, es gibt kein böses Blut. Ich weiß, dass eine brave Bremer Seele keinen schwedischen Lehnsherrn akzeptieren wird.

    Vielleicht habe ich deshalb so Hals über Kopf auf diesem Schiff angeheuert. Ein Werber war im Seehund, er lud alle auf ein Bier oder zwei ein. Er erzählte von der Neuen Welt auf der anderen Seite des Meeres. Von endlosem Land, quasi unbewohnt und ohne rechtmäßige Besitzer. Von Gold in den Flüssen, dass man nur einzusammeln braucht. Von exotischen, menschengleichen Männern und Frauen, die begierig sind nach dem Wort Gottes und der Zivilisation. Einem jeden, der anheuere, steht es am Ende der Reise frei, ob er an Bord bliebe, oder ob er sich ein Stückchen Land nehme, um dort sein Glück zu machen.Seine Worte weckten das Reisefieber in mir, die Lust am Abenteuer, die Freude an der Entdeckung. Noch vor all den Anderen habe ich meine Unterschrift auf die Heuerliste gesetzt. Ich reise nur mit leichtem Gepäck, nur wenig Altes hat für mich einen Wert. Ich versuche das Schöne in meinen Gedanken mitzunehmen, und das Hässliche aus meinen Erinnerungen zurück zu lassen.


    So lebe wohl, Du alte wundervolle Welt, und sei willkommen unbekannte Neue Welt!

  • Tag 2


    Ich möchte ein wenig von unserem Schiff berichten.

    Der Name ist Feducia, was soviel wie Vertrauen heisst.


    Für unsere Fahrt über das Oceanum Atlanticum hatte ich mit einer Pinasse gerechnet. Um so überraschter war ich, als ich im Hafen eine Fleute vorfand.

    Sicherlich, sie war ein wenig umgebaut worden, ähnlich wie ich es bereits bei Walfangschiffen diesen Typs sah, allerdings schien mir zunächst der geringe Tiefgang einer Fleute für die rauhe und hohe See problematisch.

    Dennoch macht die Wahl dieses Schiffes bei genauerer Betrachtung durchaus Sinn.

    Für die lange Reise musste viel Ladung an Bord gebracht werden. Und eine Fleute bietet dafür mehr Stauraum, als eine Pinasse.

    Ausserdem muss der Kapitän davon ausgehen, dass ein Teil der Besatzung in der Neuen Welt bleiben wird. Und eine Fleute ist noch mit einer minimalen Besatzung von 5 bis 7 Mann zu führen. Zur Zeit sind wir aber, den Kapitän und die Offiziere eingeschlossen, 18 Mann und 4 Frauen an Bord - letzteres sorgt bei manchem gestandenen Seemann für Unbehagen, weiß man doch, dass Frauen an Bord sowohl Seeungeheuer, als auch Piraten anlocken. Aber eine gute Heuer lenkt eben von mancher Sorge, zumindest oberflächlich, ab.


    Aber ich schweife ab. Vielleicht berichte ich morgen mehr über unsere Besatzung.

    Zurück zum Schiff. Ähnlich einem Walfangschiff gibt es auch auf unserer Fleute rechts und links je ein großes Ruderboot, das ausgesetzt werden kann.

    Mit 32 m Länge gehört unsere Fleute schon zu den etwas größeren Schiffen dieser Art.

    Die Beplankung ist gedoppelt, wie bei den Fleuten die hoch in den Norden ins Eis fahren. Dadurch hält das Schiff einem größeren Druck stand. Ich kann mir jedoch nicht vorstellen, dass dies auf unserer Reise nötig sein wird, liegt doch auf unserer vorraussichtlichen Route kein Eismeer.

    Auf der anderen Seite ist es beruhigend, kann doch das Schiff so auch dem Rammen eines Walfischs oder eines Ungeheuers länger standhalten.

    Die Spanten des Schiffs sind aus solidem Eichholz und mit verstärkten Querschnitten ausgeführt.

    Der Bootsmann erwähnte, dass wir eine Tonnage von 360 Tonnen haben.


    Ein Großteil unserer Ladung besteht aus Frischwasser und Lebensmitteln. Es gibt auch reichlich Apfel- und Sauerkrautfässer, so dass uns der Skorbut wohl keine Sorge bereiten muss, wenn die Reise nicht unerwartet lange dauert.

    Neben Pökelfleisch und Salzheringen sind auch einige lebende Tiere an Bord. Ziegen sollen für Milch und Frischfleisch sorgen, Hühner versorgen uns mit Eiern.

    Bei den Englischen werden wir noch einmal unsere Vorräte auffrischen, bevor es auf den großen Ocean geht.


    Die erste Nacht in der Hängematte verlief ruhig. Das Schaukeln des Schiffs macht mir nichts aus - manch anderer fütterte die Fische über die Reling. Auch das Schnarchen der Kameraden hat eher etwas beruhigendes für mich.

    Trotzdem verbrachte ich einen Teil der Nacht an Deck. Die salzige Luft tut mir gut - es fühlt sich an, als reinige sie mich von innen.


    Das Schiff scheint in einem guten Zustand. Das Vertrauen scheint gerechtfertigt.

    Verwundert hat mich auch, dass wir alleine segeln. Keine Begleitschiffe, kein Konvoi mit anderen. Und dazu kommt, dass das Schiff kaum über eine Bewaffnung verfügt. Lediglich achtern an Back- und Steuerbord sind zwei kleine Geschütze.

    Beim Beladen des Schiffs fiel mir allerdings auf, dass wir mehrere Kisten mit Musketen an Bord haben, und Fässer mit Schießpulver. Für eine Seereise eher ungewöhnlich, als Fracht zu wenige.


    Unseren Kapitän haben wir noch nicht zu Gesicht bekommen. Der Bootsmann gibt uns unsere Befehle.


    Morgen schreibe ich vielleicht mehr über die Besatzung. Es ist ein bunter Haufen, gemischt aus erfahrenen Seeleuten, aufgeweckten Abenteurern und dem üblichen Gesindel.

  • Tag 3


    Auf dem Ärmelkanal herrscht ein reger Betrieb. Zwischen all den Holländern fallen wir mit unserer Fleute kaum auf.

    Das ist vielleicht auch gut so. Am Horizont sah ich einige spanische Galeonen. Es mag nur eine Frage der Zeit sein, bis die Spanier ihren Einflussbereich auch in den Ärmelkanal ausdehnen. Ob England und Holland etwas gegen die Armada auszurichten wissen, ist zweifelhaft.


    Die Entscheidungen unseres Kapitäns - wir haben ihn noch immer nicht zu Gesicht bekommen - sind rätselhaft.

    Statt den gut ausgebauten, sicheren Hafen von Dover anzulaufen, wo es ein einfaches gewesen wäre, neue Ladung an Bord zu nehmen - und einen vergnüglichen Freigang für die Mannschaft zu bieten - fuhren wir weiter bis vor den malerischen Fischerort Hastings.

    Hier gibt es keinen befestigten Hafen, den man mit einem Schiff unserer Größe anlaufen kann. Wir ankerten auf offener See, wohl eine knappe halbe Meile vom Strand entfernt.

    Beide Beiboote wurden zu Wasser gelassen. Ich fuhr im ersten mit. Mit der Brandung zu rudern mag noch gut gegangen sein, aber der Weg zurück gegen die Brandung ließ unsere Muskeln schmerzen. Zumal jedes der Beiboote so voll beladen wurde, dass wir selbst kaum guten Platz zum pullen hatten.

    Trotzdem musste jedes der Boote dreimal diese Strecke zurücklegen.


    Als wir das dritte Mal auf dem Weg zum Strand waren, meine ich, ich hätte vielleicht unseren Kapitän gesehen. Eine stämmige Gestalt stakste über das Achterdeck, blickte den Booten nach, gestikulierte mit den Armen. Ich bin mir sicher, dass ich diesen Mann zuvor noch nicht gesehen habe.


    Neben Wasser, zusätzlichem Segeltuch und Vorräten, war diesesmal auch Rum dabei. Meine Hoffnung, wir würden nach getaner Arbeit mit einem Becher Rum belohnt werden, hat sich jedoch nicht erfüllt.

    Bei der letzten Fahrt - als wir den Strand erreicht hatten - sprang einer der Schiffsjungen vor allen anderen aus dem Boot, nahm seine Beine in die Hand und rannte, als wäre der Teufel hinter ihm her. Der Bootsmann fluchte und zielte mit seiner Pistole auf den Rücken des armen Jungen, aber in dem Moment stießen wir auf den Sand und es ruckte durchs ganze Boot, so dass ein sauberer Schuss nicht möglich wäre. Und dann war der Junge schon ausser Reichweite. Ob er wohl wirklich geschossen hätte? Keiner von uns wollte es ausprobieren und keiner verlor ein Wort darüber.

    Mit einem Mann weniger war die Rückfahrt noch beschwerlicher. Trotzdem schafften wir es irgendwie.

    Ich war froh, als wir wieder an Bord waren und die Boote eingeholt wurden.

    Von der Gestalt, die ich für den Kapitän halte, war nichts mehr zu sehen.


    Über Nacht blieben wir vor Anker, allerdings hielten drei Decksoffiziere mit Musketen wache. Wohl um sicherzustellen, dass nicht noch einer frühzeitig die Segel streicht. Ich kann nur für mich sprechen, aber nach dem Rudern am heutigen Tag, hätte ich weder Lust noch Kraft gehabt, eine halbe Meile bis an das Ufer zu schwimmen. Zumal wir ablandigen Wind bekamen.

    Die Lichter Hastings wirkten warm und einladend, und aus dem Pub drangen Fetzen von Gesang und Lachen bis an unsere Ohren. Wie gerne hätte ich einen Teil meiner Heuer dort gelassen.


    Ich bin zu müde und meine Hände vom Rudern zu geschwollen, um weiter zu schreiben. Ich denke, ich werde heute Nacht tief schlafen.

    Morgen lassen wir alles Land hinter uns. Dann ist da nur noch die See. Lange Tage. Ich erinnere mich an Reiseberichte, die ich früher einmal las, und an die Erzählungen der Seeleute in den Schänken Bremens.

    Vielleicht war der Junge deshalb davongelaufen. Die Vorstellung soweit das Auge reicht nur noch Wasser um sich zu haben, dem Meer, mit allem was darin lebt, ausgeliefert zu sein, ins Unbekannte und Ungewisse zu fahren, die kann einen schwachen Geist schon beunruhigen.

  • Tag 4


    Die Winde sind günstig. Wir machen gute Fahrt. Gegen Mittag haben wir den letzten Zipfel Englands passiert. Nun liegt die unendliche Weite der See vor uns. Wasser bis an den Horizont. Jeder, der nicht gerade arbeiten musste, stand an der Reling, blickte auf den Rest Land, der noch zu ersehen war - bis auch ihn der Horizont verschluckte. Die letzten Möwen waren lange schon zurückgeblieben.

    Eine leichte Schwermut legte sich auf die Besatzung.


    Vielleicht lag es daran, dass niemand von uns bemerkt hatte, wie eine weitere Person das Achterdeck betreten hatte. Wie lange hatte er uns schon beobachtet? Hatte unseren getuschelten Gesprächen gelauscht? Ich vermag es nicht zu sagen.

    Die Alarmglocke schreckte uns aus unserer Melancholie.

    Und dann sah ich ihn zum ersten Mal. Eine hochgewachsene Gestalt, vielleicht noch größer als der Kurtl es war. Gekleidet in eine Mischung aus hochrangiger Militäruniform und feiner Kaufmannskleidung, wie ich sie zuvor noch nie gesehen hatte. Dennoch war auf den ersten Blick klar, dass es sich um erlesene, teure Stoffe handelte. Genau so klar war, weshalb ich aus der Ferne den Gang als staksig wahrgenommen hatte - vom Knie abwärts fehlte dem Kapitän das rechte Bein. Es war ersetzt durch einen Stumpf aus rotem Mahagoni, wie es in der neuen Welt vorkam. Dennoch stand er fest wie ein Fels auf dem wankenden Schiff.

    Sein Haar war pechschwarz, nach hinten zu einem ordentlichen Zopf gebunden. Sein Bart war prächtig - voll und lang, aber sehr gepflegt - und von grauen Haaren durchzogen. Ich vermute, sein kräftiges Haupthaar verdankt er einer Perücke.

    In seinem Gürtel steckte eine langläufige preußische Pistole, an seiner Seite prangte ein Rapier. Ich hatte keinen Zweifel, dass er mit beidem umzugehen wusste.

    Trotz dieser stattlichen Erscheinung machte er auf mich einen kranken Eindruck. Seine Haut war fahl und eingefallen, seine Augen lagen tief, was seinem Blick etwas stechendes verlieh. Er stand ruhig, und doch wirkte er auf mich gehetzt. Auch andere meiner Schiffskameraden erzählten später, dass es ihnen kalt den Rücken herunter gelaufen ist, wenn sein Blick den ihren traf.


    Seine Stimme war wie ein tiefes Grollen. In Sibiria stand ich Bären gegenüber, deren Gebrüll dagegen dem Gesang einer Nachtigall geglichen hätte.

    Die Worte seiner Rede sind mir kaum im Gedächtnis geblieben. Nur das Gefühl dabei. Das Unbehagen. Das Frösteln. Die innerliche Starre. Fast möchte ich sagen, die Furcht.

    Der Kapitän verlangte absoluten Gehorsam und treue bis in den Tod. Solange wir zu seiner Mannschaft gehörten.

    Er dulde keinen Diebstahl an Bord - auch nicht vom Essen. Schon gar nicht vom Rum. Keine Unzucht mit den Tieren, aber auch nicht mit den Kameraden oder den Weibern an Bord. Er drohte uns drakonische Strafen an, die zwei der Frauen, aber auch die Schiffsjungen und den einen oder anderen Kameraden blaß werden ließen.

    Auf der anderen Seite erneuerte er die Versprechen des Werbers - unseres Zahlmeisters, wie ich mittlerweile weiß - uns würden Landbesitz und genug Gold winken, um bis ans Ende unserer Tage ausgesorgt zu haben, wenn wir mit dem Schiff die neue Welt erst einmal erreicht hätten.


    Niemand von uns sagte ein Wort. Dann ergriff der Bootsmann wieder das Wort, ließ die übliche Schimpftirade über uns herabregnen, die mit allerlei Tiernamen gespickt war. Schnell sah jeder von uns zu, dass er etwas zu arbeiten fand.


    Als ich das nächste Mal von meiner Arbeit aufsah, war unser Kapitän schon nicht mehr an Deck.


    Aber seine Präsenz wirkte noch nach, als wir am Abend längst in den Hängematten lagen.

    Und es kursierten so manche Geschichten darüber, wie unser Kapitän wohl sein Bein verloren hatte. Einer behauptete, eine losgerissene Kanone hätte ihm das Bein zerquetscht, einer sprach davon, dass er es im Maul eines Haifischs verloren hatte, ein dritter meinte zu wissen, es wäre ihm im langen Krieg von einer Muskete abgeschossen worden. Auch über sein Alter herrschte Uneinigkeit. Manche - zu denen ich auch mich zähle - schätzten ihn auf Ende 40, Anfang 50, wieder andere aber sagten, er wäre schon weit über die 60, sogar die 80 Jahre alt. Eine Behauptung, die ich als furchtvolles Seemannsgarn abtun muss. Kein Mann dieses Alters könnte noch derart auftreten und solche Strapazen überstehen.

    Vielmehr halte ich es nicht für unwahrscheinlich, dass er im langen Krieg gekämpft hat, und ihn die Grausamkeit des Krieges derart hat altern lassen.


    Jetzt, wo ich im Licht der Laterne sitze, und in mein Tagebuch schreibe, fällt mir einmal mehr auf, wie wenig ich bisher über meine Kameraden weiß. Und jetzt weiß ich, warum das so ist. Wir reden kaum miteinander. Schon gar nicht über uns. Ich habe bisher nur einen Ort kennengelernt, wo so wenig miteinander gesprochen wurde, wie hier an Bord - ein Steinbruch für Strafgefangene im Russen Land.

    Ich nehme mir vor, morgen etwas daran zu ändern.

  • Tag 5


    Auf mich hat die Weite des Oceans etwas beruhigendes. Auch diese Leere.

    Anfangs sahen wir noch die Segel anderer Schiffe. Der Ausguck war besetzt und jede Flagge wurde laut verkündet. Viele Holländer waren darunter, aber auch Hamburger und sogar ein paar Bremer.

    Beeindruckend war es für mich, als ich zum ersten Mal einen Hamburger Konvoi auf offener See zu Gesicht bekam. Die Handelsschiffe der Hamburger Kaufleute wurden von teils stark bewaffneten, teils wendigen und schnellen Schiffen des Hamburgischen Admiralitätskollegs begleitet. Diese Begleitschiffe sicherten die Handelsschiffe vor Piratenüberfällen auf der ganzen Linie. Hamburger Kaufleute, Ratsherren und Kapitäne hatten das Kollegium selbst ins Leben gerufen. Ich weiß, dass die Bremerschen ähnliches versuchten, doch die hohen Kosten und die schlechte Gegenfinazierung schreckten die meisten Unterstützer schnell ab.

    Der Konvoi kam offenbar auf der Nordroute zurück. An Bord der Handelsschiffe wird Baumwolle als Fracht gewesen sein. Ein Rohstoff, der dank der Sklavenarbeit in der Neuen Welt, wesentlich kostengünstiger und effizienter zu erzeugen ist, als die Wolle von Schafen, wie sie in unseren Landen üblich ist.

    Die Handelsschiffe verkehren meistens im sogenannten Atlantischen Dreieckshandel. Sie liefern Textilien aus den Manufakturen Hamburgs oder Rum aus Flensburg in die africaenschen Kolonien, laden dort Sklaven, bringen sie - noch heute in etwa auf der Route, die der Herr Colon auf seiner dritten Reise nahm - in die Neue Welt, damit sie dort zu den niedrigen Arbeiten eingesetzt werden können, zu denen sie in der Lage sind*, und kommen dann vollgeladen mit Zuckerrohr für Flensburg oder Baumwolle für Hamburg zurück.


    Auch wenn die Routen bis an die Azoren parallel verlaufen mögen, so nehme ich doch an, dass wir der Nordroute entgegen segeln werden. Ich habe keine Anzeichen dafür entdecken können, dass wir zunächst der africaenschen Küste folgen wollen, noch mag sich mir ein Sinn dafür erschließen.


    Aber zu meinem gestern gefassten Vorhaben. Ich habe versucht mit den Männern ins Gespräch zu kommen, doch ist es nicht leicht. Derweil bilden sich bereits kleine Klüngel, oft nach regionaler Herkunft oder gemeinsamen Erlebnissen, die einander verbinden.


    Ein dreier Gespann, die mit mir im Ruderboot saßen, wollte ich als erstes Ansprechen, geriet jedoch an eine erste Hürde. Sie kommen aus dem Böhmischen, sind demnach wohl dem Krieg entflohen. Sie verstehen mich zwar leidlich, doch sprechen sie nur ihren Dialekt. Immerhin brachte ich heraus, dass sie Adam, Jan und Michal heißen. Michal ist als Schmied mit an Bord, Jan einer der Schiffsjungen. Adam hat nicht gesprochen. Seine Hände sind schon jetzt voll Schwielen und Risse. Es ist offensichtlich, dass er die Arbeit mit den Händen nicht gewohnt ist. Trotzdem arbeitet er ohne klagen mit uns mit.

    Während ich mit den dreien zu sprechen versuchte, bemerkte ich, dass uns Jakub, der 2. Schiffszimmerer, immer wieder beäugte, vielleicht auch versuchte uns zu belauschen. Mit ihm sprach ich als nächstes.


    Jakub - er wird von den meisten nur der Jude genannt - kommt aus Prag. Daher versteht er, was die drei Böhmischen sagen. Gleichzeitig spricht er aber auch das gemeine Deutsche sehr gut und ohne, dass man seiner prager Herkunft gewahr wird. Auf meine Frage danach, erzählte er mir, dass er vor etwa 20 Jahren, noch als junger Mann, als versucht wurde, den Krieg durch den Prager Frieden zu beenden, bereits nach Hamburg kam. Er sagte, wer Dachstühle zimmern kann, der kann auch Schiffe zimmern, man muss sich nur den Dachstuhl kopfüber vorstellen. Er arbeitete auf Werften in Hamburg und Bremen. Nun hofft er, dass es in der Neuen Welt keine Rolle mehr spielt, wo man herkommt oder was man glaubt. Er macht auf mich einen sehr euphorischen, heiteren Eindruck. Er glaubt, in der Neuen Welt können alle in Frieden und Eintracht miteinander leben - wer bin ich, ihm diese Vorstellung zu rauben? Allein, mir fehlt der Glaube daran. Dennoch empfand ich das Gespräch mit ihm als sehr angenehm.


    Zufällig bekam ich ein anderes Gespräch mit. Der Inhalt überraschte mich. Anscheinend gibt es nur ein Besatzungsmitglied, dass schon länger mit unserem Kapitän vertraut ist. Der Steuermann, Hauke. Alle anderen, egal ob Bootsmann, Zahlmeister, Wachhabener oder Seemann, fahren zum aller ersten Mal unter diesem Kapitän. Ich möchte versuchen, ob ich dem Steuermann etwas entlocken kann.


    Am Tage ließ sich der Kapitän nicht an Deck blicken. Aber nun, da ich schreibe, und viele der Kameraden bereits in ihren Hängematten liegen, hört man das Klopfen seines Holzbeins auf dem Deck. Ich vermute, er bestimmt unsere Position anhand der Sterne.

    Später, in der Nacht, werde ich noch einmal an Deck gehen.


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    * OOC: Persönlich glaube ich, dass durch die Kolonialisierung und die Sklaverei viel Schaden angerichtet wurde. Unter Auswirkungen der Kolonialisierung leiden die betroffenen Länder noch heute, falsche Vorstellungen über den Wert von Menschen und über Unterschiede zwischen den Menschen verschiedener Herkunft reichen noch heute bis in unser kulturelles Verständnis und unseren Sprachgebrauch hinein. Aber beides sind unleugbare historische Fakten. So zu tun, als hätte es beides nicht gegeben, löst keine Probleme. Beides findet nur so - als historische Fakten - Einzug in mein Rollenspiel, und jedwede Äußerung meines Charakters oder in meiner Einleitungsgeschichte diesbezüglich ist rein IC und im historischen Kontext zu sehen, und spiegelt nicht meine eigene Haltung zu diesen beiden Themen wieder.

  • Tag 6


    Ich hatte schlecht geschlafen in der Nacht. Entsprechend früh war ich aufgestanden und an Deck gegangen.

    Es hat einen Vorteil, wenn man als erster an den Waschzuber geht - Das Wasser ist noch einigermaßen sauber.


    Seit wir auf unserer Rückreise durch das kriegsverheerte Magdeburg kamen, habe ich mir angewöhnt, zumindest Hände, Oberkörper und Gesicht gründlich zu waschen, auch mit Seife, und einmal in der Woche sogar zu Baden. Ich verstehe jetzt, wie wichtig es ist, sich zu waschen, um allerlei Krankheiten zu vermeiden.

    Ein Großteil Magdeburgs war verbrannt, niedergerissen, zerstört. Es war einst eine Stadt mit 25.000 Menschen darin, also beinahe so groß wie Hamburg. Als wir es erreichten lebten dort nichteinmal mehr 450 Menschen. Ein besseres Dorf. Viele waren tot, viele geflohen oder nachdem der Krieg vorbei gezogen war davon gezogen. Nur wenige harten aus. Überforderte Büttel, ein ratloser Bürgermeister, Kranke, Versehrte, ein paar Geistliche. Mehr Bettler als Menschen, die etwas geben konnten. Streunende Hunde und Katzen, völlig verwildert. Ratten so groß wie ein kleiner Hund. Dreck und Unrat bis an die Knie.

    Wären nicht zwei Kameraden nach unserer Ankunft krank geworden, wir wären wohl gleich am nächsten Tag weitergezogen. Nach einer Woche war keiner von uns mehr gesund. Als Bram, unser Koch, dahingeschieden war, schleppten wir uns aus der Stadt, so gut es ging. Wir gingen, soweit wir nur konnten, und fanden dann bei einem frommen Bauern Unterschlupf. Wir kamen wieder zu kräften und arbeiteten unsere Schuld ab, bevor wir wieder aufbrachen, um unsere Heimkehr fortzusetzen.


    Als ich also an Deck kam und mich wusch, waren nur der zweite Steuermann - ich glaube, er heißt Torge - zwei Deckswachen, drei Matrosen und unser Kapitän an Deck. Der Kapitän war dabei unsere Position zu bestimmen.

    Wenn alles gut geht, so werden wir in etwa drei Tagen die Azoren Inseln erreichen. Die Inseln sind zu einem Großteil in portugiesischer Hand. Es sollte für uns kein Problem sein, dort einen Hafen anzulaufen und unsere Vorräte ein letztes Mal aufzufrischen, bevor wir den atlantischen Ocean überqueren.

    Ich habe viel über diese Inseln gehört und freue mich, sie nun einmal selbst zu sehen. Auf manchen findet man hohe Vulkane, wie man sie sonst nur aus Italia oder dem Land der Griechen kennt, viele sind bedeckt mit üppigem, fremdwirkenden botanischem Bewuchs, die Fische springen einem förmlich von selbst ins Boot, man muss sie nur einsammeln. Allerdings ist auch Vorsicht geboten. Manch ein Seemann hat dort sein feuchtes Grab gefunden, weil er den süßen Lockungen vollbusiger Nixen verfiel - sagt man. Ich hoffe, sollte uns eine Nixe begegnen, ich bin mannsgenug ihr zu widerstehen. Ich wüsste zu gerne, ob sie den Tieren zu zuzählen sind oder ob sie etwas gemein haben, mit uns Menschen.


    Irgendwann kam Knut Lösekanne, unser Schiffskoch an Deck, mit dem Frühstück für die Mannschaft. Wie jeden Morgen gab es aus einem großen Kessel einen Brei aus zerstoßenem Getreide, vermengt mit Wasser und Ziegenmilch, Saft aus italienischen Zitronen, Sauerkrautsaft, geriebenem Apfel und Speck. Ein gutes, stärkendes Essen, dass uns zusätzlich vor dem Skorbut schützen soll. Dazu gab es Hagebuttentee.

    Ich vermisse den Duft von frischem Brot. Und das Gefühl hineinzubeißen. Dazu die gute Butter aus dem Butterfaß. Und das Pflaumenmus meiner Mutter. Wenn ich nur intensiv genug daran denke, die Augen schließe und nicht durch die Nase atme, dann kann ich den Geschmack auf der Zunge erinnern, auch wenn ich den Brei esse. Manchmal zumindest.


    Irgendwann weckte die Schiffsglocke die noch schlafenden. Und bald stellte sich wieder der Arbeitsalltag an Deck ein.

    Im Laufe des Tages hat der Wind aufgefrischt. Und der Seegang ist höher geworden. Einige Kameraden mussten sich in ihre Hängematten legen, und die Frau im Krähennest musste sich anbinden. Die Wolken ziehen schneller und vor uns türmen sich dunkle Wolken auf.

    Ich hoffe, uns bleibt ein Sturm erspart. Zumal bei Nacht.

    Einer der Kameraden hat Amulette des Hl. Nikolaus von Myra, dem Schutzpatron der Seeleute, verteilt. Ob man nun an die Wirkung solcher Amulette glaubt oder nicht, zumindest können sie auch nicht schaden. So habe ich mir auch eines gekauft, und trage es nun.


    Ich werde das Tagebuch nun gut einpacken und beiseite legen. Aber ich bezweifle, dass ich einschlafen können werde.