Geschichten aus Aeternum: Die verbannte Kaiserin

  • „Dich hab ich hier noch nie gesehen“, sagte der Wirt und kam zu mir rüber. „Ich bin Bao.” Er betonte seinen Namen auf eine Weise, als würden Siedler überall in Aeternum am Lagerfeuer ehrfürchtig von seinen Abenteuern sprechen.


    Er deutete auf ein Holzfass neben uns. Ich nickte. Er schenkte ein Glas ein und schob es mir über das rote Holz der Theke zu, bevor er fortfuhr.


    „So wie du aussiehst, würde ich einiges darauf wetten, dass du nicht wegen der Getränke und Sehenswürdigkeiten nach Ebonscale Reach gekommen bist“, sagte er. Sein Blick wanderte vom Schwert an meiner Hüfte zum Bogen auf meinem Rücken.


    Er hatte natürlich recht. Im Gegensatz zu Baos Abenteuern haben sich die Geschichten von der verderbten Kaiserin tatsächlich bis in den Süden der Inseln herumgesprochen und das Interesse zahlreicher erfahrener Kämpen geweckt – auch meines. Wo immer Gefahren und Risiken in Aeternum lauerten, waren Gold und sagenhafte Reichtümer meist auch nicht weit. Ich bin diesen Gerüchten in den Nordosten bis nach Ebonscale Reach gefolgt und Baos Worte bestätigten meinen Verdacht, dass ich hier richtig war.


    „Anstatt des Goldes, das du bei deiner Wette gewonnen hättest, würde ich dich für dafür bezahlen, wenn du mir etwas über die Gerüchte von der Kaiserin erzählen könntest“, sagte ich. Ich sah von meinem Getränk auf und Bao direkt in die Augen.


    Er schaute sich in dem fast leeren Raum um. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass gerade keiner der anderen Gäste seiner Aufmerksamkeit bedurfte, begann er zu reden. „Ja, Abenteurer. Ich kann dir die Geschichte von unserer Kaiserin erzählen und ich kann dir auch versichern, dass du nicht umsonst hierhergekommen bist.“


    „Der Name der Kaiserin ist Taiying.“ Bao lehnte sich auf die Theke, nahm ein Glas in die Hand und begann es mit einem Lappen zu putzen, während er seine Geschichte begann. „Sie war die Erstgeborene des Kaiserpaars der Zhou-Dynastie aus China, von wo viele von uns hier in Ebonscale Reach stammen. Sie war eine intelligente junge Frau und als Thronfolgerin schien ihr ein großes Schicksal vorherbestimmt. Sie wuchs mit ihrem Halbbruder Shang Wu, dem unehelichen Kind des Kaisers mit einer Konkubine, im Palast auf und ihre Lehrer waren die hellsten Köpfe des ganzen Landes.“


    „Als sie älter wurde, eroberte sie die Herzen ihres Volkes im Sturm und wurde für ihre Intelligenz und Schönheit bewundert. Sie hatte zahlreiche Verehrer, doch sie wies sie alle ab, da sie die Macht nicht teilen wollte – und schon gar nicht mit jemandem, in den sie nicht verliebt war und der wohl nur um ihre Hand anhielt, weil er selbst nach politischer Macht strebte. Dass sie unverheiratet blieb, machte sie geheimnisvoll und zog nur noch mehr Verehrer an, doch sie lehnte weiterhin alle ab.“


    Ich nickte ein wenig ungeduldig und wünschte, Bao würde seine Erzählung über die Jugend der Prinzessin ein wenig abkürzen. Ich war schließlich hier, um herauszufinden, ob die Geschichten über eine sich sammelnde Verderbte Armada wahr waren, und nicht, um mir die Liebesgeschichte einer jungen Prinzessin anzuhören.


    Doch Bao fuhr unbeirrt fort. „Allerdings liebten nicht alle die junge Thronfolgerin. Viele wollten lieber einen Mann auf dem Thron sehen, sowohl aufgrund ihrer traditionellen Überzeugungen, also auch weil ihnen die Tatsache suspekt war, dass die Kaiserin alle ihre Verehrer zurückgewiesen hatte. Heimlich, still und leise wuchs die Unterstützung dafür, dass ihr Halbbruder Shang Wu den Thron beanspruchen sollte. Dieser wusste das auszunutzen und stellte eine Armee zusammen. In der Nacht vor Taiyings Krönung verjagte Wu mit seinen Truppen die Thronfolgerin dann aus dem Palast. Sie wurde gezwungen, mit ihren treuesten Anhängern ans Meer zu fliehen. Doch als Shang Wus Truppen kamen, um sie und ihre Anhänger endgültig zu vernichten, nahm sie eine Flotte von Schiffen im nahegelegenen Hafen und stach in See – egal wohin, nur weg aus China. Als Kind hatte sie Gerüchte von Aeternum gehört, dem Land des ewigen Lebens, also segelte sich in Richtung Atlantik, um die sagenhafte Insel zu finden und sich ihre Macht zunutze zu machen.“

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    Ich nickte weiter stumm und schluckte meine Ungeduld herunter, denn ich spürte, dass Bao endlich bei dem angekommen war, was ich eigentlich hören wollte.


    Bao schüttelte wehmütig den Kopf. Seine Miene verfinsterte sich. „Ich war auf dieser Reise dabei. Unser Plan war immer gewesen, wenn sich die Gerüchte bewahrheiten sollten mit der Macht des ewigen Lebens nach China zurückzukehren und den Thron zurückzuerobern. Leider erlitten wir dasselbe Schicksal wie alle Schiffe, die Aeternum zu nahe kommen: Unsere Flotte wurde in den Stürmen rund um die Insel versenkt und wir strandeten hier in Ebonscale Reach.“


    „Aber davon ließ Taiying sich nicht abhalten. Sie rückte ins Landesinnere vor, beanspruchte das Gebiet für sich und traf einen Vertreter der Verderbnis, der ihr alles versprach, was sie suchte: Macht, ewiges Leben und ihre Rache. Mit den Kräften der Verderbnis ausgestattet, verwandelte sie die meisten ihrer treuen Anhänger in Soldaten ihre Verderbten Dynastie. Der Rest von uns ist geflohen“, sagte Bao und seine Augen funkelten mit dumpfem Groll. Er polierte das Glas immer noch wie wild, obwohl es mittlerweile längst blitzblank war.


    Leise sprach er weiter. „Die Geschichten über die Verderbte Armada sind wahr. Zhou Taiying will eine neue Flotte aufbauen, um nach China zurück zu segeln und nicht nur ihren Thron zu erobern, sondern auch gleich die ganze Welt. Seit sie Verderbt wurde, ist sie … nicht mehr sie selbst. Sie hat seltsame Kräfte, jenseits von allem, was ich je gesehen habe und angetrieben von ihrem Durst nach Rache.“


    Ich sah Bao an, wie sehr ihn die Geschichte mitnahm, die er mir eben erzählt hatte. Dennoch sprach er weiter.


    „Wenn du noch mehr wissen willst“, sagte er und stellte das saubere Glas ins Regal, „und außerdem jemanden suchst, der für dein Schwert und deine Dienste zu zahlen bereit ist, solltest du mit Zeng Lingyun sprechen, der ehemaligen Dienerin der Kaiserin. Sie lebt hier in der Stadt. Am besten suchst du sie morgen früh auf.“ Er deutete auf den Mond und das Licht der Sterne, das durch das Fenster neben uns in den Raum fiel.


    Ich bedankte mich bei Bao für die Geschichte und das Getränk und schob ihm ein paar Goldstücke über die Theke zu.


    „Gute Reise, Abenteurer. Und viel Glück.“ Bao wandte sich von mir ab. „Du wirst es brauchen“, hörte ich ihn noch murmeln, als ich aufstand und ging.