Die Fahrt der Horizont

  • Captain Jakob Valentin, strich sich resigniert über das ganze Gesicht und weiter noch, bis in die letzte Haarspitze seines dunklen Bartes, welcher mehr und mehr graue Anteile bekam. Es war wieder einer dieser Tage an denen man sich eigentlich gar nicht hätte auf seine beiden Beine stellen sollen. Die Matrosen die er gestern im Anker angeheuert hatte, waren noch immer nicht vollzählig. Er selbst saß bis spät in der Nacht an einem Tisch und als er ging schienen diese Landratten noch immer nicht in ihre Koje zurückkehren zu wollen. Gemeinsam mit seinen 15 Mann Besatzung war er heute mit Beginn derMorgendämmerung zurück zum Hafen gelaufen. Die Horizont lag fest vertäut an ihrem Pier. Er begrüßte den leichten Niesel, der seinen Kopf kühlte. "Der Branntwein machte seinem Namen alle Ehre" murmelte er in seinen Bart. Doch egal wie oft er sich selbst ermahnte weniger davon zu trinken, wenn er am nächsten Tag auslief, er scheiterte jedes Mal.


    Seine 15 Mann, mit denen er schon so einige Fahrten über die Meere dieser Welt gemacht hatte, begannen routiniert mit ihrer Arbeit. Er war froh sie nicht mehr einweisen zu müssen. Zusätzlich zu seinen Männern kamen noch die Passagiere und die Hafenarbeiter, welche die Horizont mit ihren Gütern beluden. Alles in allem herrschte viel Betrieb auf den Planken des Decks. Seines Decks. Seine Laune begann sich zu verfinstern und er wurde unruhig. Ganz besonders, als der Karren mit den ominösen Kisten über den Pier gerattert kam.


    "KONRAD," schrie er seinen ersten Offizier an. "Sorg mir dafür, dass diese Kisten schnellstmöglich dort verstaut werden wo ich sie erst wieder sehe, wenn wir sie aus meinem Schiff herausholen und der Teufel soll dich holen, wenn du mir danach nicht sagen kannst, was zum Klabauter wir da eigentlich eingeladen haben!"

    "Aye" kam die knappe Antwort. Doch er sah Konrad bereits hinüber zum Karren eilen.


    "Aeternum, eine Insel von der niemand zurückkommt heißt es. PAH! Das haben sie über Amerika gesagt. Seemannsgarn. Wenn man diesem Unsinn Glauben schenken wollte, dann würde niemals jemand zurückkommen, der etwas Neues entdeckt hatte. Oder wie wurden diese Inseln sonst entdeckt zu denen wir nun ständig fahren? Alles Landratten"! Kaptitän Valentin pflegte häufig Unterhaltungen mit sich selbst. Hin und wieder war er eben auf kompetenten Rat angewiesen, wie er immer wieder betonte. Er besah sich erneut das Treiben auf seinem Deck und entschied sich dafür sich umzudrehen und entlang des Stegs Richtung Hamburg zu schauen. Er sinnierte kurz über seine verstorbene Frau. Er vermisste sie. Obgleich sie keine Liebe wie aus einem Märchen teilten so waren sie sich doch stets treu und neben ihren Streiterein stets ein gutes Team gewesen. Ihre Ehe war das Bodenständigste und beständigste in seinem Leben. Nun war es die Horizont . Wenn er sie verlöre, würde ihn in dieser Welt nichts mehr halten. Doch fürs Erste verabschiedete er sich von derlei Gedanken sein Schiff lag gut im Wasser und in wenigen Stunden würde die Flut kommen und sie würden auslaufen. Bis dahin hatte er ein Problem dass er nicht so einfach beiseite schieben konnte. Passagiere! Er strich sich erneut resigniert über das Gesicht, bis in den Bart. Landratten und Leichtmatrosen. Passagiere waren in der Regel noch weniger Nütz auf einem Schiff als die Ratten. Doch sie zahlten gutes Geld und dafür gebührte es sich, dass sie durch den Kapitän begrüßt wurden. Er blickte erneut über das Treiben auf dem Deck und die Waren am Pier, auf dem ganz hinten die ersten Passagiere angelaufen kamen. Er richtete seinen Hut und seinen ehemals stolzen Mantel. Setzte das herzlichste Lachen auf, dass er trotz seines dröhnenden Schädels zeigen konnte und setzte sich in Bewegung. "Wird Zeit das wir hier Verschwinden!" murmelte er noch einmal.

  • "Noch 2 Stunde bis das Schiff ablegt", dachte er sich und klappte seine Taschenuhr zu. Währenddessen schaffen die Matrosen Fracht auf das Schiff mit dem er nach Aeternum übersetzen möchte. "Geht mir achtsam mit meinen Gütern um!", brüllt er den Schiffsmännern zu. Da rutscht den jungen Männern einen Moment später ein große, schwere Kiste aus der Hand und knallt auf den harten Steinboden des Kais. "Ihr lausigen Jungspunde! Könnt ihr nicht aufpassen!", kreischt er auf, "Wisst ihr nicht wer ich bin!?" Die Schiffsleute kratzen sich am Kopf und schauen verdutzt. Der alte Mann richtet sich sein Monokel und rümpft die Nase "Mein Name ist Alexander Walther Tunichtgut!" Die 2 Matrosen gucken sich gegenseitig an und zucken unwissend mit den Schultern. "Ich bin Mitbegründer der Manufaktur- und Handelskompanie zum schwarzen Kater!!!", schiebt Herr Tunichtgut fassungslos nach. Auch die Kompanie scheinen sie nicht zu kennen und fahren einfach damit fort die Fracht zu verladen. Den alten Mann lassen sie links liegen...

    Herr Tunichtgut kocht vor Wut, dreht sich um und stampft Zähne knirschend den Schiffsanleger entlang. "Was für eine Frechheit", murmelt er vor sich hin, "Wartet nur ab! Wenn ich mir erstmal einen Namen in Aeternum gemacht habe, wird jeder den Namen Alexander Walther Tunichtgut und den Schwarzen Kater kennen! Den größten Handelsmann und die reichste Kompanie der neuen Epoche! Pah, das junge Volk wird noch sehen für seine Ignoranz!!". Er fuchtelt wild mit seinem Gehstock herum, bis er zur Passagierrampe gelangt. Ein kleiner Schatten schmiegt sich an seine Knöchel. Herr Tunichtgut bückt sich vor und erblickt eine schwarze Katze an seinem Bein. Sein Ärger ist von dem einen zum anderen Moment verflogen "Awww, wo bist du denn abgeblieben, Dexter? Na komm, miez miez!". Herr Tunichtgut klopft 2 mal kurz mit dem Stock auf den Boden und mit einer Körpergeste des Ellenbogens zeigt er dem Kater an hochzuspringen. Das Tier springt, wie trainiert und klettert dem rüstigen Mann auf die Schulter. "Nun beginnt ein neuer Abschnitt für uns!", denkt sich Herr Tunichtgut. Der Mann geht die Rampe hoch und passiert dabei eine Gestalt, die er als Kapitän identifiziert. "Pah... Der stinkt bis hier hin! Hat dem keiner beigebracht wie man sich wäscht oder zumindest wie man Parfum auflegt?! Pfui, Spinne! Aber kein Wunder bei so einem Treibholz, was sich Schiffskahn schimpft...", denkt er sich, tatsächlich kommt aber aus seinem Mund ein freundliches "Ahoi Captain! Freut mich Passagier auf ihrem wundervollen Schiff zu sein! Ein wunderbarer Tag um in See zu stechen, nicht wahr?"

  • "Guten Tag der Herr." Und der Kapitän breitete seine Arme aus. "Willkommen an Board der Horizont. Mein Name ist Jakob Valentin, ich bin der Kapitän des Schiffs, verkatert und schrecklich mies gelaunt." Jakob grinste breit. "Doch bevor Sie sich über mein grauenvollen Benehmen echauffieren. Lassen Sie mich Ihnen versichern, nichts läge mir ferner als dies an Ihnen auszulassen. Als Seemann trägt man seine Gedanken auf der Zunge, denn schon bei der nächsten Welle könnte man für immer verstummen. Nehmen Sie es mir also nicht böse. Auch nicht meinen grauenvollen Auftritt, ich habe schlechte Gewohnheiten und noch mieseren Fusel getrunken, aber das werden sie zu Ihrem Leidwesen wohl schon gerochen haben." Er zeigte auf die Tür zu den Kajüten. "Doch bitte, bitte, ich beginne zu schwafeln, machen sie es sich bequem und freuen sie sich auf die Fahrt mit der Horizont. Wir werden in wenigen Augenblicke die Taue lösen und den Anker einholen. Sollten Sie etwas wünschen, schreien Sie einfach einen der Tunichtgute hier an Bord an. Es sind gute Jungs und werden Ihre Wünsche erfüllen." Er verbeugte sich mit einem Schritt nach hinten und machte dem Herrn Platz.


    Als er sich wieder zu der emsigen Mannschaft herumdrehte verschwand sein freundliches Grinsen und er schrie: "In 5 Minuten ist die Fracht verladen, die Taue gelöst, die Ankerkette rasselt und die Rampe liegt an Deck. Wer bis dahin seinen faulen Hintern noch nicht hier hat bleibt zurück. Ohne Sold und Rum!" Er betonte das Ohne ganz besonders stark.

    Er vernahm das laute: "Aye Aye Kapitän seiner Mannschaft."


    Mit einem Seufzer streckte er den Kopf in seinen Nacken, strich sich wie so oft durch das Gesicht und über den Bart. Er spürte das dieses Mal eine besondere Fahrt bevorstand. Er wusste nur nicht ob ihm das gefiel und außer einer Flasche Fusel und einer steifen Brise in den Segeln gefiel ihm nicht viel. Seine Vorahnungen schienen sich zu bewahrheiten, als er Konrad mit großen Augen aus dem Bauch des Schiffes auf ihn zustürmen sah.

    "Hmmm" brummte er. "Ich wusste doch ich hätte diesen Tag nicht aufstehen sollen".