Der Wert einer Seele

  • Wo Ankunft Aufbruch bedeutet



    Ich blickte in die vertrauten grauen Augen des alten Mannes, der vor mir stand und in meinem Kopf hämmerte es. Sein schmales faltiges Gesicht hatte sich seit meiner Abreise vor zwei Jahren kaum verändert und doch war stete Zuversicht tiefster Trauer gewichen. Seine Lippen, umrahmt von grauen Stoppeln, bewegten sich. Er sprach mit mir, eindringlich, und doch drang keines seiner Worte mehr zu mir durch. So sehr sich Liam auch bemühte, ich fiel und zerbrach innerlich.


    Es war bereits Herbst und auf den Feldern verdarb das Korn. Die Tiere waren in einem erbärmlichen Zustand, einige gar verstorben. Ein beißender Geruch von Fäulnis hing in der Luft und unheimliche Stille dort, wo Arbeiter und freudiges Kinderlachen sein sollten. Nebel umhüllte die nahen Hügel und die alte knorrige Eiche. Er zog sich wie ein Schleier über den unscheinbaren Erdhaufen in der Nähe des Baumes, doch das schlichte Holzkreuz vermochte der Nebel nicht zu verbergen.


    Der Anblick schnürte meine Kehle zu. Übelkeit, wie nach einem Schlag in die Magengrube, während sich Schmerz in Wut wandelte und an Liam entlud. Ein Stoß und der alte gebrechliche Mann stürzte zu Boden. Schützend hielt er seine Hände hoch, flehte, doch noch immer drang keines seiner Worte durch das Tosen in meinem Kopf, nur sein angsterfüllter Blick bewahrte ihn vor Schlimmerem. Mit jedem meiner Schritte den Hügel hinauf hoffte ich aus diesem Albtraum zu erwachen, doch der Geruch von feuchter Erde zerschlug jede Hoffnung.


    Ein helles fröhliches Lachen. Ein wilder Junge mit dunklem Haar, der sich oft zwischen den Ästen der alten Eiche versteckte und feixte. Ein unbekümmertes Spiel. „Er ist aus Furcht gestürzt.“ Die Worte zerfetzten meine Erinnerung, die Knie schmerzten und ich starrte auf das kleine kalte Grab vor mir. Liam half mir auf und mein Blick fiel auf das Bauernhaus. Ich war endlich Heim gekehrt, doch die erhoffte behagliche Wärme blieb mir verwehrt.


    ***


    Ich saß regungslos da, beobachtete wie Liam Holz auflegte und doch kroch diese Kälte in mir hoch. Ich spürte Unbehagen in meinem eigenen Haus. Die Wände wirkten grau und fahl. Leblos, als hätte ein Todesfluch diesen Ort in seinem eisigen Griff. Die Hände des alten Mannes zitterten, als er den Whiskey einschenkte. Wir hatten wohl beide einen kräftigen Schluck nötig, um die Nerven zu beruhigen.


    Ich unterbrach die bedrückende Stille, die zwischen uns herrschte. „Wo ist sie?“ Liam blickte mir erschrocken entgegen, obwohl er mit dieser Frage gerechnet haben musste. Zögerlich schüttelte er den Kopf und antwortete nur widerwillig. „Du willst sie so nicht sehen.“ Mein Blick nötigte ihn dennoch sich zu erheben und so ging er schweren Schrittes vor mir her. Ich atmete tief durch als er den Schlüssel drehte und sich die Tür knarzend einen Spalt breit öffnete.


    Es stank wie im Zwischendeck eines Sklavenschiffs. Eine Mischung aus Erbrochenem, Kot und Urin. Die Fenster des Zimmers waren mit Holzbrettern vernagelt worden. Schweres Atmen drang aus der Dunkelheit. Im flackernden Kerzenschein offenbarten sich bizarre Schmierereien aus Blut an den Wänden. Ein Ächzen. Seile wanden sich um hölzerne Bettpfosten, hielten eine schlanke Frau fest in ihrem Griff. Ihr Leib bedeckt von einem schlichten Leinenhemd.


    „Was zum Teufel?!“ Ein Stechschritt in ihre Richtung, ich konnte nicht anders. Sie war schweißgebadet, ausgemergelt. Ich fiel neben ihr auf die Knie, strich über ihre Stirn und meine Gedanken rasten. Mein Blick verfing sich in ihrem dunklen lockigen Haar, ich bemerkte ihr Flüstern nicht, ihre Warnung. Unvermittelt schnellte ihr Kopf in meine Richtung, ihr Körper bäumte sich auf, ein markerschütterndes Kreischen und ich wich zurück.


    Ich blickte in eine fremde Fratze. Das Gesicht durchzogen von schwarzen Adern. Glühende Augen fixierten mich. Ihr zierlicher Körper wütete und die Bettpfosten scharrten über den Holzboden, dann Stille. Es lag nichts Friedliches in dieser Stille. Meine Frau war befallen vom Wahnsinn und in ihrem Blick spiegelte sich Mordlust wieder. „Er ist aus Furcht gestürzt.“ Hallte es in meinem Kopf wider und allmählich begriff ich das Unbegreifliche.


    ***


    In den folgenden Tagen versuchte ich mich mit dieser neuen Wirklichkeit zu arrangieren, doch es gelang mir nicht. Ich hatte Kameraden sterben sehen, hörte die Schreie gefolterter Gefangener, doch selbst die Grausamkeit des Krieges konnte mich nicht auf das vorbereiten, was mich in meinem eigenen Zuhause erwartet hatte. Ein weiterer Kadaver landete im Feuer, ich tat wozu Liam nicht mehr im Stande war. Ein sinnloses Unterfangen, nichts konnte diesem Ort mehr Leben einhauchen.


    Ich dachte über das nach, wovon der Priester erzählt hatte. Ich hielt es für Seemannsgarn, den man abergläubischen alten Narren für bare Münze verkauft hatte. Doch was hatte ich zu verlieren? Ich spürte den Blick des Alten auf mir ruhen. Es war jener väterliche Blick, der auf mir ruhte als ich mich freiwillig zum Dienst meldete und davon überzeugt war, es sei eine gute Idee gewesen. Liam trank seinen Whiskey und schwieg. Wir wussten beide, dass ich gehen musste.


    Vielleicht war Aeternum tatsächlich das Licht am Ende der Nacht.


    ***

    Komm zu mir in die Dunkelheit und zeig mir wer du wirklich bist.


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  • Graufang

    Hat den Titel des Themas von „Wo Ankunft Aufbruch bedeutet“ zu „Der Wert einer Seele“ geändert.
  • Der Auftraggeber



    Ich wachte schweißgebadet auf an diesem Morgen. Finstere Träume beherrschten meine Nächte. Ich war bereits am Abend zuvor in der Stadt angekommen. Meine überschaubaren Habseligkeiten erlaubten mir nur ein einfaches Zimmer in einer Spelunke, die nicht besser oder schlechter war als die anderen versifften Löcher im Hafenviertel. Ich hatte nur das Nötigste in einem abgegriffenen Seesack aus dunklem Leder bei mir. Den Großteil meiner Ersparnisse überließ ich Liam, ein vergeblicher Versuch mein Gewissen zu beruhigen. Ich war mir nicht sicher, ob ich den alten Mann jemals wieder sehen würde. Eine Unachtsamkeit und er würde ihr zum Opfer fallen. Ich verlangte zu viel, doch sie war da noch irgendwo, ich konnte es sehen in der unendlichen Tiefe ihrer grünen Augen.


    „Geh schon weiter!“ Aus meinen Gedanken gerissen stolperte ich unvermittelt nach vorne. Der matschige Untergrund ließ mich straucheln und nur mit Mühe konnte ich es verhindern den dickbäuchigen Kerl mit dem ungeduldigen Blick und dem Klemmbrett in seinen Händen anzurempeln. Hinter mir drängelte eine Reihe Männer, die wie ich auf dem Dreimaster anheuern wollten. „Bist du taub oder beschränkt? Ich hab dich nach deinen Fähigkeiten gefragt, Taugenichtse können wir hier nicht gebrauchen!“ blaffte mich der Dickbäuchige an, dabei lief sein Gesicht rot an, als würde sein Kopf gleich wie eine überreife Tomate platzen.


    Sein herablassender Tonfall ließ unwillkürlich Feindseligkeit in mir aufkeimen. Ich ballte meine Finger zu einer Faust und dachte darüber nach was wohl seine Fähigkeiten sein mochten. Er war einen Kopf kleiner als ich und seine Vorliebe für Ale und gebratenen Speck drang aus jeder seiner Poren. Seine Kurzatmigkeit und Unbeweglichkeit waren kaum zu übersehen. Ich wägte den Aufwand, den Ärger und die Genugtuung gegeneinander ab. Vielleicht würde er aber auch von selbst umfallen, wenn ich ihn nur lange genug schweigend anstarren würde. „Er soll sich eintragen, wir nehmen ihn.“ unterbrach eine weitere Stimme meinen Gedankengang. Erst jetzt bemerkte ich den dunkel gekleideten Mann, der an einem schlichten Holztisch hinter dem Dickbäuchigen saß.


    ***


    Der hohe Filzhut mit der schmalen aufgebogenen Krempe, die von einer überhängenden Kordel eingefasst wurde, passte farblich zum halblangen schwarzen Mantel. Sein Träger wirkte entspannt und gleichermaßen erhaben. Ein Bein über das andere geschlagen, darauf ruhend eine Zeitung, die er durch grün getönte runde Brillengläser studierte, als kümmerten ihn die Bewerber nicht. Zu seinen Füßen war der matschige Boden mit einer dicken Schicht aus Stroh ausgelegt worden. Ließ man den Blick schweifen, konnte man den strohbedeckten Weg des Mannes zurück verfolgen bis hin zu einer geschlossenen Kutsche. Das Zweigespann und sein Kutscher wirkten fehlplatziert im schmutzigen Grau des Hafenviertels, nicht zuletzt auch wegen des edlen Zaumzeugs und des Federschmucks, der die Pferde zierte.


    Der Dickbäuchige streckte mir das Klemmbrett auffordernd entgegen, dabei richtete sich die Aufmerksamkeit des dunkel gekleideten Mannes auf mich. Unsere Blicke trafen sich. Ein kurzer flüchtiger Moment, nicht greifbar. Ich erstarrte. Es war als blickte er direkt in meine Seele und erkannte dort jedes meiner Geheimnisse, während die spiegelnden Brillengläser seine erfolgreich bewahrten. Ein unheilvolles Grinsen, das mir einen Schauer über den Rücken jagte, umspielte die Lippen des Mannes, dann widmete er sich wieder seiner Zeitung und ich trug meinen Namen in die Liste ein.


    ***

    Komm zu mir in die Dunkelheit und zeig mir wer du wirklich bist.


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  • Ein jeder baut sein schicksal gibt vor etwas zu sein was er nicht ist und wird sein und den Preis Zahlen den man Zahlen muss wir hatten schon das unangenehme Gespräch das du vorgibts zu sein was du nicht bist.

    Nur wenige wissen, wie viel man wissen muss, um zu wissen, wie wenig man weiß.

  • Von Landratten und Schweinen



    Ich zerknüllte den nichts aussagenden Aushang und warf ihn in die Zimmerecke. Ich war müde und ausgelaugt. Die Albträume zermürbten mich und ich zweifelte an meinen Entscheidungen. Mir ging der Blick des dunkel gekleideten Mannes mit der Brille nicht mehr aus dem Kopf. Worauf hatte ich mich nur eingelassen? Ich hatte keine Ahnung und Aushänge, wie jener, zeigten für gewöhnlich nicht viel mehr als eine Abbildung des Schiffes und ein paar Münzen, um einfache Männer mit leeren Taschen anzulocken. Ganz gleich welche Option ich in Gedanken durchspielte, jede fühlte sich wie ein unumkehrbarer Fehler an.


    Vergeblich suchte ich nach Antworten in der alten Spiegelscherbe an der Wand. Zu trüb, zu viele blinde Flecken, also packte ich meine Habe und verließ das Zimmer zum letzten Mal. Unten in der Gaststube hing noch der kalte Rauch vom Vorabend. Der dunstige Raum war leer, nur der Wirt hing über einem dampfenden Pott Kaffee. Der verlockende Duft hellte meine Stimmung etwas auf und ich zählte die verbliebenen Münzen in meinem Beutel. Ein Frühstück wäre wohl die bessere Wahl gewesen, aber ich hatte keinen Hunger und tatsächlich hatte ich schon deutlich schlechteren Kaffee getrunken.


    Der Wirt war ein erstaunlich schweigsamer Geselle, das kam mir sehr gelegen. Es war zu früh, um sich mit klischeehaften Fragen über Sinn und Zweck meines Aufenthaltes herum schlagen zu müssen. Zumal ein Teil der Antworten offensichtlich war. Der Dreimaster war das einzige Schiff im Hafen, für das in so großem Stil angeheuert wurde. Der Andrang war enorm und das Verfahren dauerte weitere zwei Tage nachdem ich meine verhängnisvolle Unterschrift getätigt hatte. Es war beinahe so, als hätte dieses Schiff bis dahin keine Crew gehabt, was schon ein wenig sonderbar war. Zeugte doch der von Seepocken verkrustete Rumpf davon, dass es schon einige Seemeilen auf den Buckel hatte.


    Der Dreimaster war ein wahrhaftiges Ungetüm neben den sehr viel kleineren Fischkuttern, die ansonsten im Hafen lagen. Es wirkte genauso fehlplatziert, wie die edle Kutsche des geheimnisumwitternden Initiators. Ein solches Schiff würde man in einem der belebten Handelshäfen erwarten, aber nicht an einem Ort wie diesen, wo windschiefe Behausungen das Stadtbild prägten, verblasste Meerjungfrauen als Tavernenschilder dienten und Fischfang das einzige Auskommen war. So oder so, der Anblick war überwältigend. Dass ein Ungetüm mit derartigem Tiefgang überhaupt in einen Hafen wie diesen einlaufen konnte, beeindruckte mich, aber ich hatte im Grunde auch keine Ahnung von Schiffen. Eigentlich verabscheute ich Schiffe. Allein der Gedanke an aufbrausenden Seegang ließ meinen Magen rebellieren und doch stand ich nun hier, bewunderte den ersten klaren Sonnenaufgang seit Tagen und hoffte insgeheim darauf, dass dies ein gutes Omen war.


    ***


    Kurze Zeit später stand ich dicht an dicht gedrängt mit einem Haufen Männer auf einer von mehreren Rampen, die an Deck führten und fühlte mich wie eines der quiekenden Schweine, die eine Rampe weiter auf das Schiff getrieben wurden. Zuvor war jedem von uns ein Kumpan und eine Hängematte, die man fortan mit besagtem Kumpan teilen musste, zugewiesen worden. Ich war angepisst. Nicht wegen des kleinen Chinesen mit dem irren Blick, sondern weil es bei meiner Größe ohnehin schon schwer genug war in einer Hängematte Schlaf zu finden und jetzt musste ich meine Schlafzeiten auch noch mit ihm abstimmen. „Lin Chung“ stellte sich der kleine Chinese mit überschwänglicher Fröhlichkeit vor, die unter normalen Umständen vielleicht ansteckend gewesen wäre. Mein unversöhnliches Brummen schien ihn dabei nicht sonderlich zu beeindrucken, er wirkte gar erheitert, was meiner miesen Laune nicht gerade zuträglich war.


    Schnaubend blickte ich über den Zwerg mit dem kahlrasierten Kopf und den geflochtenen Zopf hinweg und richtete meine Aufmerksamkeit demonstrativ auf eine der anderen Laderampen. Unzählige Kisten und Fässer wurden im Bauch des Schiffes verstaut, wobei die Pulverfässer für die Kanonen bereits am Abend zuvor geladen worden waren. Ich stutzte. Der Initiator selbst stand an einer der Rampen und gab Anweisungen. Die Arbeiter verfielen in Hektik. Die Körpersprache des Mannes verriet, dass er mit Argusaugen wachte, während die Arbeiter sich mit einer hellen Holzkiste abmühten, deren Seiten gleichlang und unhandlich waren. Auf einer der Seiten war eine Markierung, die ich nicht genau erkennen konnte, ansonsten wirkte die Kiste eigentlich unscheinbar und doch waren vier Mann notwendig, um sie an Board zu hieven.


    Ich rätselte was wohl in der hellen Holzkiste verborgen sein mochte. „Was du sehen großer Mann?“ vereitelte eine unerträglich fröhliche Stimme meine Bemühungen. Missmutig blickte ich auf den Chinesen herab, doch noch bevor mir eine vernichtende Antwort einfiel, ertönte eine andere unangenehm vertraute Stimme. „Aufstellung ihr nichtsnutzigen Landratten!“ In meinem Fall traf das sogar zu, doch beim Rest der Männer zeigte die Beleidigung aus dem Mund des Dickbäuchigen Wirkung und so stellten sie sich beinahe schneller auf, als es diensteifrige Soldaten je könnten. Der Dicke schreitete förmlich durch die Reihen und hatte unverkennbar Vergnügen daran, Anweisungen zu geben und Aufgaben zu verteilen. Ich seufzte, es war einfach nicht mein Tag, dabei hatte er so gut angefangen. Dagegen war Lin Chung neben mir in heller Aufregung und scheinbar voller Vorfreude auf seinen zukünftigen Aufgabenbereich. Hoffentlich bekam er einen Posten in der Nachtschicht, ich brauchte Schlaf, dringend.


    ***

    Komm zu mir in die Dunkelheit und zeig mir wer du wirklich bist.


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